Mit Prinzipien für das Volk
Von Moritz Förster und Rudolf B. Behrens
Viele haben es versucht, alle
sind gescheitert. Egal ob sie Duarte Frutos, Macchi oder Wasmosy hießen. Die
meisten Präsidenten sind mit dem Versprechen angetreten, Korruption und
Ungerechtigkeit in Paraguay zu beenden. Letztendlich sind sie alle selbst in
den Strudel von Bestechung und Vetternwirtschaft geraten.
Das Vertrauen der paraguayischen Bevölkerung ist erschüttert. Die große Frage
für die meisten Wähler lautet: Wer kann für die nötige Gerechtigkeit sorgen?
Wer setzt sich für das Volk ein? Wer bricht die starren
Gesellschaftsstrukturen auf? Und vor allem: Wer hält sich an sein Wort? Diese
Fragen werden entscheiden, wer bei den Wahlen in zwei Jahren neuer Präsident
wird.
Als Antwort kursiert neuerdings ein Name, der erst seit kurzem auf der politischen Agenda auftaucht: Fernando Lugo. Eigentlich ein Mann der Kirche, hat er sich schon immer den Interessen des Volkes gewidmet.
Nun macht er auch öffentliche
politische Schlagzeilen, und seine Gefolgschaft wächst rapide auch in der
Stadtbevölkerung. Als Nicanor Duarte Frutos den obersten Gerichtshof
manipulierte, um verfassungswidrige Handlungen durchzuführen, die ihn zur
Präsidentschaft seiner Partei führten, nahmen Lugo und die von ihm gegründete
Initiative Resistencia Ciudadana dies als Anlass, öffentlich zu demonstrieren.
Wie aus dem Nichts organisierte Resistencia Ciudadana zusammen mit etlichen
sozialen Organisation (NGOs) und Bauernorganisationen, unter der Federführung
von Lugo eine Demonstration mit 50.000 Teilnehmern. Für die große
Unterstützung hat Lugo eine einfache Erklärung parat: „Das Volk hat es satt!“
Die Bedeutung von Lugo ist für das paraguayische Volk wie der Morgenstern, der
zu Jesu Geburt über einem kleinen Stall in Bethlehem leuchtete. Allerdings
leuchtet der Lugo-Stern nicht über einem kleinen Stall, sondern für ein ganzes
Land. Die Analogie geht sogar weiter: Denn bereits Jesus kämpfte verzweifelt
gegen eine korrupte Oberschicht. Aber selbst Lugo betont immer wieder, dass er
nicht der Retter ist: „Das Volk hat sich immer zu sehr auf die Politiker und
Führer verlassen. Nun ist es an der Zeit, dass wir alle zusammen und
miteinander versuchen, die notwendigen Veränderungen durchzusetzen.“
Die christliche Lehre ist für
Lugo die große Stütze. Bis vor kurzem war Lugo Bischof in der Diözese San
Pedro. Mit gerade einmal 50 Jahren legte er das Amt des Bischofs nieder.
Seitdem vertritt er verstärkt politische Ziele. Allerdings ist die Religion
weiterhin seine große Stütze. Wenn Lugo spricht, dann gibt es zwei zentrale
Dinge, die er immer wieder erwähnt. Ersteres ist das Volk, das Zweite seine
Prinzipien. „Ich bin ein Mann mit Prinzipien. Ich habe weder eine Partei noch
andere Verpflichtungen. Alles was ich habe, sind meine Prinzipien“, erklärt er
mit seiner tiefen Stimme, mit der er den Leuten in seinen Predigten die
christlichen Lehren nahe brachte. Die Überschneidung von Religion und Politik
ist bei Lugo offensichtlicher als bei der CDU. Denn im großen Gegensatz zu
vielen christlichen Parteien sucht Lugo nach einer sozialen Definition der
Lehre Jesu.
Er sagt: „Meine erste Sorge sind nicht politische Interessen. Meine erste
Sorge ist das Volk.“ Er ist ein guter und durch tägliche Predigten vor allem
ein geübter Redner, der weiß, wie er die Leute auf seine Seite kriegt. Die
Gründe für seine große Popularität sind offensichtlich. Er ist selbstbewusst,
ohne arrogant zu sein. Er wirkt überzeugend, ohne aufdringlich zu sein. Und
vor allem tritt er schlicht und einfach auf. An seinem Handgelenk baumelt
keine Goldkette, sondern ein blau-weiß-rotes Bändchen, die Nationalfarben
Paraguays, um seinen Hals ein großes schweres Kreuz. Lugos ganze Ausstrahlung
sagt dem Volk: „Ich bin einer von euch. Aber ich bin einer, der stark genug
ist, um eure Interessen durchzusetzen.“ Damit befindet er sich ganz im
sozialistischen Trend in Südamerika. Venezuela, Bolivien und Brasilien haben
es vorgemacht. Ob Paraguay 2008 folgen wird?
Mit Schlagworten wie einer
grundlegenden Agrarreform, Steuerreform, endlich mal Gerechtigkeit und auf
lange Sicht auch eine auf gegenwärtige Verhältnisse abgestimmte Staatsreform,
hat er nicht nur die Stadtbevölkerung, sondern vor allem die Landbevölkerung
hinter sich gebracht. Dabei stellte er bereits seine politischen Fähigkeiten
unter Beweis und präsentierte kurzerhand ein durchdachtes Konzept für eine
Agrarreform, die er zusammen mit „Pastoral Social“ und Bauernorganisationen
ausgearbeitet hat. Den Ansatz sieht Lugo dabei in der einzelnen Bauernfamilie.
Durch das Projekt erhofft er sich mehr Unabhängigkeit und eine gerechtere
Verteilung für die Landarbeiter. Eine alte paraguayische Weisheit besagt: Die
Wahlen werden auf dem Land gewonnen, nicht in der Großstadt.
Aktuellen Umfragen zu Folge führt Lugo derzeit klar in der Wählergunst, doch
das große Hindernis sind gar nicht die Wählerstimmen, sondern Lugo selbst.
Noch bestreitet er alle Absichten, tatsächlich als Präsidentschaftskandidat
anzutreten. Doch was ist dran an dieser Aussage? Die Antwort weiß wohl nur
Lugo selbst. Die Politik in Paraguay ist ein Pokerspiel, und Lugo hält derzeit
hervorragende Karten in der Hand. Das Problem ist nur, dass etliche
Falschspieler mit in der Runde sitzen. Was der emeritierte Bischof am Ende
ausspielen wird, kann derzeit keiner sagen.
Er wird Prioritäten setzen
müssen: Bislang kann er Kirche und Politik noch kombinieren. Will er aber
tatsächlich kandidieren, steht er vor der großen Frage: Kirche oder Politik.
Seine Antwort auf diese Frage ist derzeit salomonisch: „Das Volk dient nicht
mir, sondern ich diene dem Volk.“ Er wird bis ganz zum Schluss warten, bis er
seine Karte ausspielt, die die Antwort geben wird, ob er ein dienender
Präsident oder ein dienender Kirchenmann sein will.
Lugo hat allerdings bereits gemerkt, dass das politische Spiel seine eigenen
Regeln hat. Obwohl er (noch) kein offizieller Kandidat ist, nehmen ihn die
politischen Parteien bereits als ernsthaften Konkurrenten wahr. Ihre Strategie
ist dabei relativ einfach: Sie versuchen die Glaubwürdigkeit des ex-Bischofs
zu zerstören. Die lokalen Medien verbreiten freudig die neuesten
Spekulationen: Ob es nun heißt, dass Fernando Lugo als Bischof bereits
Ehebruch begangen habe, oder dass er aktives Mitglied der kolumbianischen
Befreiungsarmee FARC und als einer der Chefs in den Drogenhandel verwickelt
sei. Die großen Zeitungen Paraguays, ABC und Ultima Hora, nehmen den Klatsch
rund um Lugo nur zu gerne in ihren Blättern auf.
Es ist offensichtlich, wieso
Lugo sein Pokerblatt solange auf der Hand behält. Erklärt er bereits jetzt
seine Kandidatur, so wird eine Hetzkampagne der anderen folgen. Bereits so
sind Morddrohungen eingegangen.
Lugo aber lässt sich nicht beirren und geht weiter seinen Weg. „Einerseits
geben mir Kirche und Geist die Kraft weiterzumachen. Andererseits sind es vor
allem die vielen Leute, die genauso denken wie ich. Immer wieder treffe ich
Menschen, die nach neuen Antworten suchen und dadurch neue Wege ermöglichen.
Das gibt mir die Hoffnung, dass es eine soziale Lösung für ein soziales
Paraguay geben kann.“
Welche Aufgabe ist schwieriger: aus Wasser Wein zu machen oder Korruption und Ungerechtigkeit in Paraguay zu beseitigen? Die Probleme sind altbekannt: Allzu oft hat der Strudel von Intrigen und Seilschaften auch gute Kandidaten mit ehrlichen Hoffnungen und Versprechungen hineingezogen. Nun muss Lugo aufpassen, dass ihm nicht das gleiche passiert.
Er hält eine große Trumpfkarte in der Hand. Es ist weder ein Ass noch ein König mit Krone. Die Zeit von Monarchie und Diktatur ist vorbei. Seine Trumpfkarte ist ein Präsident, der ein Kreuz um den Hals trägt und ein paraguayisches Freundschaftsband ums Handgelenk.